Leseprobe: Milchig-weiße Handschuhe, die töten können.

Demagogue Leseprobe

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Prolog

Er hält sie mir vor die Nase, milchig-weiße Handschuhe, die töten können. Handschuhe, die mich zu dem machen, was ich eigentlich sein soll.
„Zieh sie an“, befiehlt mein Vater, immerhin mit sanftem Ton, während er mir schon selbst die Handschuhe überstülpt. Als würden meine Hände in die erwärmte Gelatine getaucht, mit der meine
Mutter ihren Erdbeerpudding eindickt. „Und Margo, vergiss nicht, dass du dich auf keinen Fall selbst berühren darfst!“
Seine Stimme, sonst immer so ruhig und sanft, lässt mich zusammenzucken. Ein Messerstich in den Bauch. Er hatte es mir unzählige Male eingebläut, sodass mir mittlerweile wirklich klar ist, welche Gefahr von seiner Erfindung ausgeht. Aber Vater fürchtet sich immer noch sehr davor, dass ich mir aus Versehen selbst Schmerzen zufüge. Natürlich, weil er nicht will, dass ich Schmerzen erleide – aber vor allem, weil dann ans Licht käme, dass ich keine Superior bin. Nur die vorgegaukelte Fähigkeit durch diese Handschuhe schützt mich davor, von meinen Eltern weggerissen zu werden. Im besten Fall würde mich das Regime verstoßen. Niemand von uns dreien kann oder will auch nur im Ansatz erahnen, was der schlimmste Fall wäre.
Ich nicke nur, während das Material der Handschuhe mit meinen Unterarmen verschmilzt, das milchige Latex sich in das nur wenig dunklere Weiß meiner Haut verfärbt, bis der Übergang nur noch ein Abdruck in meinen Gedanken ist und mit einem Blinzeln völlig verschwindet.
Dennoch dreht mein Vater meine Arme an den Ellbogen in alle Richtungen, fast so grob, dass es schmerzt, um von jeder Seite nach eventuell sichtbaren Fehlern zu suchen. Doch nichts ist zu sehen.
Seine Erfindung ist perfekt.
„Gaspard“, zischt meine Mutter, die am Türspalt der Besuchertoilette Wache steht. „Beeil dich, die Inspektorin wartet.“
Mein Vater zieht die Glockenärmel meines Seidenkleides wieder über meine Unterarme. Ein Kleid eigens für die Examination angefertigt und so teuer, dass ich mich kaum traue, mich zu setzen, aus Angst es könne zerknittern. Meine Eltern haben seit meiner Geburt ihre Extrapunkte für diesen einen Tag gespart so wie es alle Eltern tun. Sie wollen für den bestmöglichen Eindruck sorgen.
Mein Vater schiebt mich durch die Tür der Toilettenkabine hinaus, so sanft wie immer, aber mit leichtem Zittern und vorsichtig darauf bedacht, meine Hände nicht zu berühren.
Ich will die Hand meiner Mutter ergreifen, so wie ich es an jedem anderen Tag tun würde. Der Wunsch wird dringlicher, sobald wir durch die Tür der Gästetoilette hinaus auf den Flur treten und sich die Oberinspektorin vor uns aufbaut. Eine gesetzte Frau, scheinbar nur Kanten und Linien, von den glänzend polierten Lackschuhen bis zu jedem einzelnen, akkurat gekämmten Haar ihres Dutts. Meine Hände bleiben an meinen Seiten hängen.
„Sie sind spät. Hätten Sie Ihr Kind nicht zuhause auf die Toilette schicken können?“ Der Ton ihrer Stimme ist ebenso geradlinig wie sie selbst. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stöckelt sie in Richtung des Examinationsraums davon. Ihre breiten Absätze klackern und schmatzen abwechselnd auf den frisch gewischten Linoleumplatten.
Ich folge ihr mit gesenktem Kopf, meine Augen auf ihre beigen Nylonstrümpfe gerichtet und die Hände viel zu steif in den Rockfalten neben meinem Körper versteckt.
Ich presse mich durch den Spalt der Glastür, durch die sie verschwindet und stehe nach ein paar Schritten in einem engen Raum vor ihr und drei weiteren Inspektoren, die mich freundlich anlächeln und mir gleichzeitig panische Angst bereiten, noch mehr als die strenge Inspektorin zuvor. Ich befürchte, die drei sollen mich in Sicherheit wiegen, während mich die Oberinspekteurin durchschaut. Wahrscheinlich bemerkt sie, dass ich nicht zu ihnen gehöre. Nicht wirklich.
Während sie sich zu den anderen Inspektoren setzt, sehe ich nur die riesige Hornbrille einer Person und gelbe Vorderzähne im strahlenden Lächeln einer anderen Person, so sehr verschwimmt mein Blick.
„Margo Bonnet, sechs Jahre. Superior. Schmerzauslösen durch Berührung mit den Händen. Ist das soweit korrekt?“, piepst eine Frauenstimme, bevor ich mich nur annähernd an den Raum, das Licht und die Menschen gewöhnen kann.
Ich höre das Rascheln des Kleides meiner Mutter hinter mir, doch traue mich nicht, mich umzuschauen.
Ich weiß, was zu tun ist. Ich muss jetzt sprechen. Darf keine Angst zeigen.
„Ja“, presse ich mit zittriger Stimme hervor, obwohl ich einen besseren Eindruck machen würde, wenn ich in ganzen Sätzen spreche, mehrere Worte sinnvoll aneinanderreihen könnte. Ein gewimmertes Wörtchen zeugt nicht gerade von der gut entwickelten Intelligenz eines Superiorkindes.
„Bitte präsentiere uns deine Fähigkeit.“ Ein drahtiger Mann, der mit der zu großen Brille, deutet auf einen anderen Mann, den ich bisher nicht bemerkt habe und der rechts neben mir in einer Ecke des Raumes kauert.
Er sieht normal aus. Gar nicht krank oder unterentwickelt. Vielleicht ein wenig kleiner als der Durchschnitt, aber begegnete ich ihm auf der Straße unserer Siedlung, ich hielte ihn für einen von uns. Falsch, für einen meiner Eltern. Es gibt kein uns, nicht für mich. Denn ich bin nicht wie meine Eltern.
Aber ich bin auch nicht wie er.
Jemanden wie mich sollte es gar nicht geben.
Doch auch wenn er nicht krank und zerbrechlich und verseucht aussieht, weiß ich, dass er ein Inferior ist. Der erste, den ich in meinem Leben sehe. In echt, nicht in einer Fernsehsendung oder in den Nachrichten. Das Institut würde niemanden zwingen, keinen von uns, die zerstörerischen Kräfte der Superior zu testen, so wie ich sie habe. Eine Kraft, die ich angeblich habe. Die Inferior melden sich freiwillig, eine edle Tat für die Gesellschaft. Meistens sind es Inferior, die wissen, dass ihre Zeit bald gekommen ist. Gibt es etwas Schöneres, als am Ende des eigenen Lebens den Lebensweg eines Kindes ein wenig zu ebnen?
Der Inferior tritt näher zu mir und nun erkenne ich einen Schein aus Schweiß auf seiner Haut, die blass ist wie meine, aber viel gräulicher, fast schon grünlich. Das Kunstlicht flackert über seine zitternden Arme, huscht über angespannte Sehnen und Muskeln in jedem Körperteil.
Er hat Angst. Angst vor mir, einem sechsjährigen Mädchen.
Ich strecke meine Hand aus, zaghaft. Ich bin geimpft, aber es soll schon Fälle gegeben haben, in denen trotzdem ein Superior durch einen Inferior angesteckt wurde.
Natürlich nur Gerüchte, ein Wispern hinter vorgehaltener Hand, doch ich habe auf keinen Fall etwas zu befürchten. Zumindest hätte ich nichts zu befürchten, wenn ich wirklich eine Superior wäre.
Mir ist, als triefe Eiter aus jeder seiner Poren, so sehr widerstrebt mir die Berührung. Mein einziger Halt ist die mikroskopisch dünne Schicht Latex über meinen Fingern. Ich kenne das Protokoll und weiß, was zu tun ist.
Meine Hand klammert sich um sein Handgelenk und augenblicklich bricht der Inferior mit einem unmenschlichen Schmerzensschrei in sich zusammen. Seine Stimme verzerrt sich von einem tiefen Grollen zu einem animalischen, hochfrequenten Kreischen und wieder zurück.
„Registriert als Superior“, bemerkt eine Stimme stolz, doch sie ist nur ein gedämpftes Rauschen in meinen Ohren, die von den Schmerzensschreien des Mannes erfüllt sind. Meine Handfläche wird warm und seine Haut verbrennt, wirft unter meinem Griff Blasen, während er kreischt und stöhnt und weint, sich auf dem Boden windet wie ein Wurm.
Ich wünsche mir, ich wäre an seiner Stelle.

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